«Alles brach zusammen»

So halfen wir einem Vater mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung

Nach der Geburt seiner Tochter brach alles zusammen.

«Ihre Geburt war das Beste, was mir je passiert ist... Da war sie, mein Kind, so klein und verletzlich, und ich, ihr Vater, konnte ihr nicht geben, was sie brauchte.»

Jasmir sah jedes Mal, wenn er die Augen schloss, Szenen des Horrors vor sich: Explosionen, Schüsse, verwundete Freunde.

Schätzungen zufolge leiden in Bosnien-Herzegowina heute 400‘000 Menschen unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Im Bosnien-Krieg von 1992 bis 1995 starben geschätzt 100‘000 Menschen, 35‘000 Frauen wurden vergewaltigt, und Gefangene wurden in hunderten von Lagern interniert. Es war ein Konflikt, der das Land zerriss und furchtbaren, langfristigen Schaden anrichtete.

Jasmir war erst 15 Jahre alt, als der Krieg begann. An einem Tag ging er zusammen mit seinen Freunden zur Schule, am nächsten Tag befand er sich inmitten eines gewaltsamen Konflikts. Seine Teenagerzeit verbrachte er damit, Kugeln auszuweichen und verzweifelt ums Überleben zu kämpfen.

«Innerhalb weniger Tage veränderte sich mein ganzes Leben, und das der anderen um mich herum, dramatisch. Dreieinhalb Jahre befand ich mich unter ständigem Beschuss, und alles, was an meine Ohren drang, war das Geräusch von Explosionen.»

bosnia ptsd

Er überlebte den Krieg körperlich unverletzt, aber seelisch traumatisiert. Jasmir verdrängte seine Gefühle, um Probleme wie die Suche nach Arbeit, die Sicherung des Lebensunterhalts und damit letztendlich die Versorgung seiner Familie bewältigen zu können.

Eine Zeit lang schien alles gut zu laufen – bis nach der Geburt seiner Tochter plötzlich alles über ihm zusammenbrach.

Ich als Vater konnte ihr nicht geben, was sie brauchte.

Jasmir, heute 41: «Ich konnte mein Verhalten nicht mehr steuern und litt unter furchtbaren Flashbacks, Albträumen und Schlaflosigkeit. Ich ging zum Arzt und erhielt die Diagnose posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).»

Trotz vieler schwerer Tage hat Jasmir niemals aufgegeben und unermüdlich für seine Familie gearbeitet. Die wirtschaftliche Situation im Land ist jedoch angespannt, und die familiären Anforderungen wuchsen ihm immer mehr über den Kopf.

Als Jasmir das erste Mal in das Büro von Pro Adelphos kam, war er fast verrückt vor Sorge, weil er nicht genug Futter für seine Kuh hatte. Seine Familie wurde in das Familien-Patenschaftsprogramm von Pro Adelphos aufgenommen und erhielt emotionale Unterstützung und die benötigte praktische Hilfe.

Drazan, Mitglied des örtlichen Teams von Pro Adelphos, arbeitet mit Jasmir und seiner Familie. «Ich fühle mich geehrt, dass ich mit der Familie Colic arbeiten darf. Beide Eltern haben in ihrem Leben schreckliche Dinge erlebt. Sie haben nicht aufgegeben, sondern bemühen sich nach wie vor mit aller Kraft, ihrer Familie ein besseres Leben zu ermöglichen», erläutert er. «Über ein landwirtschaftliches Projekt haben wir ihnen geholfen, an die dringend benötigte Weizenkleie für ihren wertvollsten Besitz – eine Kuh – zu kommen.» Die Kuh verschafft der Familie durch ihre Milch und die Milchprodukte, die Mutter Izeta verkauft, ein kleines Einkommen.

«Als ihr Betreuer weiss ich, wie wichtig es ist, mit den Beiden zu reden und über die Probleme zu sprechen, mit denen sie auf ihrem sehr steinigen Lebensweg konfrontiert waren und sind. Ihre seelischen Wunden werden nur sehr langsam heilen; ich bin jedoch davon überzeugt, dass unsere materielle und emotionale Unterstützung der Familie helfen wird.»

«Als ich Pro Adelphos um Hilfe mit dem Viehfutter bat, hätte ich mir nie träumen lassen, wie viel mehr ihr für unsere Familie tun würdet», so Jasmir. «Ich kann gar nicht beschreiben, was es bedeutet, jemanden zu haben, auf den man sich verlassen kann – und wie positiv sich das auf mein Leben ausgewirkt hat.»

400'000

Schätzungsweise 400‘000 Bosnierinnen und Bosnier leiden als Folge des Krieges unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)

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